Mitgliederversammlung 2008
Stand und Entwicklungstendenzen der Finanzberichterstattung in Ost- und Südosteuropa
John Hegarty, Head of the Centre for Financial Reporting Reform der Weltbank in Wien, referierte zum Thema „Stand und Entwicklungstendenzen der Finanzberichterstattung in Ost- und Südosteuropa“.
1. Corporate Financial Reporting in Südosteuropa – warum ist die Weltbank interessiert?
Ohne eine ordnungsgemäße Finanzberichterstattung kann es kein Wachstum geben und ohne Wachstum gibt es keine Armutsreduktion. Daher ist die Weltbank an einer verlässlichen Finanzberichterstattung interessiert. Die Weltbank tritt seit Jahren als Fürsprecher für verbesserte Standards und Compliance ein und nimmt dazu bei verschiedenen europäischen und internationalen Gremien teil, die für die Normsetzung in diesem Bereich zuständig sind. Im Rahmen des ROSC Programm ist die Weltbank verantwortlich für die Bewertung der Qualität der Finanzberichterstattung in verschiedenen Ländern der Welt. Auf Basis dieser Ergebnisse kann dann eine Beratung stattfinden, und die Weltbank finanziert auch Reformen. Alle Projekte, die durch die Weltbank finanziert werden (derzeit etwa 2.000), müssen geprüft werden. Die Qualität der Prüfungen hängt natürlich von der Qualität des Berufsstandes ab. Die Prüfungsberichte, die aus mehr als hundert Ländern an die Weltbank gehen, verdeutlichen, dass die Rechnungslegung und die Wirtschaftsprüfung in keinem sehr guten Zustand sind. Die Weltbank hat damit aber ein direktes Interesse die Qualität zu steigern. Die Weltbank ist natürlich kein Standardsetzer und keine Regulierungsbehörde, aber es erfolgt eine sehr enge Zusammenarbeit mit diesen Organisationen. Das Interesse wurde durch die Wirtschaftskrise in Südostasien Ende der 90er Jahre ausgelöst. Es wurde deutlich, dass finanzielle Instabilität sehr hohe Kosten verursacht und im Besonderen die Armen trifft. Auch derzeit ist eine gewisse Instabilität zu beobachten. Ohne eine Verbesserung der Finanzberichterstattung können jedoch keine Verbesserungen im Bereich der Börsen-, Banken- und Versicherungsaufsicht verwirklicht werden. Die Probleme existieren schon in den hochentwickelten Ländern und sind in den Ländern von Ost- und Südosteuropa noch viel schlimmer. Der Berufsstand in diesen Ländern braucht Unterstützung. Darin sieht die Weltbank ihre Rolle.
2. ROSC Rechnungslegungs- und Rechnungsprüfungsprogramm für Ost- und Südosteuropa – Hintergrund und Erfahrungen
In den Ländern von (Süd)Osteuropa befindet sich die Wirtschaft im Aufbau. Eine funktionierende Marktwirtschaft ist in einigen der Länder noch nicht aufgebaut. Die Länder selber können die Entwicklung nicht finanzieren, daher sind ausländische Investitionen wichtig. Dazu sind ein entwickelter Finanzsektor und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen nötig. Die Rolle der Berichterstattung ist offensichtlich. Auch das Verhältnis zwischen Staat und Privatsektor hängt unter anderem von der Finanzberichterstattung ab. Für die Bekämpfung von Korruption ist Transparenz von Nöten. Die wirtschaftliche Reintegration der Länder von (Süd)Osteuropa und deren EU-Beitritt ist das langfristige Ziel. Dafür ist aber eine verlässliche Finanzberichterstattung unerlässlich. Wie kann diesen Ländern beim Aufbau einer solchen geholfen werden? Der erste Schritt liegt in einer Bestandsaufnahme. Dies geschieht mittels der sogenannten ROSC-Studien (Reports on the Observants and Codes), die ursprünglich eine Initiative der G7-Länder waren. Mittlerweile ist die Weltbank die zuständige Organisation für die Durchführung der ROSC-Studien. Der Status Quo wird mit internationalen „Best Practice“ verglichen. Dabei wird auch erhoben, inwieweit die gesetzlichen Vorschriften in der Praxis tatsächlich eingehalten werden. In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch die Frage, was unter „Best Practice“ zu verstehen ist. Dafür gibt es viele Benchmarks (etwa Normen des IASB, der IFAC, der Bank for International Settlements, der CEBS, der CESR, uva.), die mitunter nur schlecht aufeinander abgestimmt sind. Für die Partnerländer ist es daher schwer zu verstehen, wie die einzuhaltenden „Best Practice“ aussehen. Diese sind derzeit nicht klar definiert, sondern müssen mit diesen Ländern noch erarbeitet werden. Der Großteil der Unternehmen in diesen Ländern sind KMUs, für die etwa die IFRS nicht angemessen sind, aber auch die europäischen Vorschriften sind nicht ausreichend. Es gibt also Lücken.
3. Von der Diagnose zur Reform
Die Qualität der Rechnungslegung hängt von vielen Faktoren ab. Der gesetzliche Rahmen spielt dabei eine sehr wichtige Rolle. Die freiwillige Anwendung von internationalen Normen funktioniert in diesen Ländern nicht, vielmehr ist eine gesetzliche Regulierung notwendig. Eine bedeutende Rolle spielt aber auch die Überwachung und Durchsetzung der Normen. Weitere Themen sind die Aus- und Weiterbildung der involvierten Personen und die Ethik, um die vorhandene Korruption einzudämmen. Alle diese Faktoren gilt es gleichzeitig zu verbessern. Die Programme dazu sind nicht kurzfristig, sondern auf 10-15 Jahre angelegt. Derzeit liegt der Fokus bei der Audit Oversight und Qualitätskontrolle, da diese als „Hauptpfeiler“ der Finanzberichterstattung eingestuft werden kann. Die Erfahrung hat gezeigt, dass ein starker Berufsstand eine starke Aufsicht benötigt. Für die Mitglieder der EU gilt die 8. EU-Richtlinie. Diese kann auch als Modell für die Länder (Süd)Osteuropas und Zentralasien herangezogen werden. Die Implementierung entsprechender Regelungen ist für diese Länder mit kurzer Rechnungslegungstradition, eingeschränkter Verwaltung und unerfahrenen Berufsverbänden aber eine besondere Hausforderung. Es herrscht Bedarf an Erkenntnissen und Erfahrungen von Ländern mit etablierten Systemen. Dies ist jedoch schwierig, da „Aufsicht“ ein sehr junges Thema ist. Selbst das PCAOB ist noch jung. Daher gibt es nur eingeschränkt Erfahrungswerte. Trotzdem ist ein gewisses Wissen vorhanden, das auf die Partnerländer übertragen werden kann, wenngleich Anpassungen an die lokalen Verhältnisse vorgenommen werden müssen. Hier wiederum ist noch Forschungsbedarf gegeben, welche Anpassungen genau vorgenommen werden sollen. Wichtig für die Länder ist, dass Empfehlungen und Lösungen geboten werden. Dies geschieht beispielsweise im Rahmen des sogenannten REPARIS Programms.
4. REPARIS Programm – nationale und regionale Ebene
Das REPARIS Programm wurde vor circa 5 Jahren ins Leben gerufen und wird vom Wiener Weltbankbüro geleitet. Das REPARIS Programm beginnt mit den ROSC Studien zur Diagnose der aktuellen Situation. Diese Studien werden von der Weltbank, aber auch von bilateralen Gebern finanziert. Auf Basis der Ergebnisse dieser Studien werden Reformprogramme entwickelt. Dieser „Country Strategy and Action Plan“ dient dazu, die ROSC-Empfehlungen zu implementieren. Die Hauptschwierigkeiten stellen dabei oft nicht Fachprobleme dar, sondern die politische Durchsetzbarkeit. Zwischen Institutionen, die oftmals noch nie gut zusammenarbeiteten, muss eine Kooperation hergestellt werden. Verschiedene Entwicklungsorganisationen finanzieren die Projekte. Dabei spielen auch Österreich und die europäische Union eine wichtige Rolle. Eine Unterstützung erfolgt aber auch auf regionaler Ebene, um die gemeinsame Lösung gemeinsamer Probleme in den verschiedenen Ländern, sowie das Lernen voneinander zu fördern. Die Länder (Süd)Osteuropas können viel von den neuen Mitgliedsstaaten lernen. Deshalb arbeitet die Weltbank oft mit Experten aus Polen oder Lettland zusammen. Die Beamten aus den neuen Mitgliedsstaaten haben praktische Erfahrung mit der Durchführung von Reformen. Auch die europäische Kommission unterstützt die Projekte der Weltbank sowohl finanziell als auch politisch.
5. Das Centre for Financial Reporting Reform der Weltbank in Wien
Vor 2 Jahren wurde in Wien eine Veranstaltung mit den Ländern (Süd)Osteuropas organisiert. Die Länder urgierten, dass die Weltbank in Washington räumlich sehr weit weg sei. Eine europäische Niederlassung wäre wünschenswert, um die Zusammenarbeit zu erleichtern. Mit Unterstützung der österreichischen Bundesregierung wurde schließlich im letzten Jahr das Weltbank-Büro in Wien eröffnet. Ursprünglich sollte von Wien „nur“ das REPARIS Programm gesteuert werden. Mittlerweile wurde aber die Entscheidung getroffen, alle Aktivitäten im Bereich der Unternehmensfinanzberichterstattung in ECA sowie ähnlicher Aktivitäten in anderen Regionen zu leiten. Derzeit sind in Wien rund 20 Mitarbeiter, mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Erfahrungen beschäftigt. Darüber hinaus erfolgt eine Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Beratern und Experten. Neben dem REPARIS Programm gibt es eine Vielzahl von weiteren wichtigen Projekten, wie etwa ein mit Schweizer Mitteln finanziertes Programm für die neuen Mitgliedsstaaten (Start mit den Beitrittsländern von 2004, Ausweitung auf Bulgarien und Rumänien zu einem späteren Zeitpunkt). Die Hauptorganisation mit der die Weltbank zusammenarbeitet ist die Europäische Kommission. Darüber hinaus bestehen aber auch Kooperationen mit der FEE, wichtigen nationalen Berufsverbänden, mit den Lamfalussy Committees, der European Group of Audit Oversight Bodies, den CFA Institute and National Member Ssocieties, der IFAC, dem IAASB, dem IESBA, dem IASB, dem IFIAR, der IOSCO, dem FSF, der Common Content Initiative, uva.
6. Zusammenarbeit mit den österreichischen Fachvertretern
Die Weltbank will nicht nur mit der österreichischen Bundesregierung und dem Finanzsektor zusammenarbeiten. Vielmehr ist seitens der Weltbank auch eine Kooperation mit dem iwp erstrebenswert, da hier wichtige Erfahrungen (etwa durch den EU-Beitritt) gesammelt wurden. Die Rechtstradition von den Ländern von (Süd)Osteuropa ist eher „österreichisch“ als „britisch“. Auch die akademische Tradition ist jener in Österreich ähnlich. Die Weltbank will die Forschung in den Ländern fördern, aber viele der lokalen Professoren sind nicht in der Lage, dies alleine durchzuführen. Eine Zusammenarbeit zwischen Universitäten in (Süd)Osteuropa und Wien wäre für die Weltbank von Interesse. Die Arbeit der Weltbank fördert direkt die Interessen österreichischer Unternehmen, die in diesen Ländern investieren. Die Arbeit der Weltbank liegt im Interesse Österreichs und die Zusammenarbeit mit den Berufsständen in den Ländern Südosteuropas, scheint auch im Interesse des österreichischen Berufsstandes zu sein.